Hier finden Sie häufig gestellte Fragen oder auch meistgestellte Fragen und die dazugehörigen Antworten zum Thema Erprobungsräume - eine Initiative der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

(Stand: 01/2018)

Ein Erprobungsraum ist ein Raum, in dem eine "andere, neue Form von Kirche" erprobt wird.

 

"Erproben" heißt:

  • Überlegen, wie Kirche anders funktionieren kann, weil wir an vielen Stellen der EKM spüren:
    Bisher Bewährtes kommt an seine Grenzen. Statt nur dem Vergehenden nachzuhängen, fragen wir: Was ist jetzt dran? Was hilft in der Zukunft?
  • Testen von Modellen für Situationen, die zunehmen werden. Zum Beispiel Kirche in Gebieten
    • mit wenigen oder keinen hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeitern (Land)
    • mit einer extrem geringen Kirchlichkeit (Plattenbaugebiete)
  • Gemeinsam experimentieren. Neues wird nicht in der Theorie an einem Schreibtisch erdacht, sondern entsteht vor Ort mit den betreffenden Menschen zusammen.
  • Lernen. Wo ausprobiert wird, geht auch manches schief. Scheitern, Fehler und Sackgassen sind dabei hilfreiche Lernerfahrungen – für uns und für andere. Natürlich auch das, was gelingt.

 

„anders“ heißt:

Zentrale Elemente einer (volkskirchlichen) Praxis waren bisher:

  • Die Parochie: Kirchengemeinde und Kirchenkreis sind der Zusammenschluss der evangelischen Christen, die in einem fest umgrenzten geographischen Bezirk leben.
  • Das Hauptamt: Evangelische Kirche ist in der Gegenwart oft eine Hauptamtlichenkirche. Entgegen dem reformatorischen Selbstverständnis als Priestertum aller Glaubenden gäbe es ohne die Hauptamtlichen vielerorts kein Gemeindeleben.
  • Das Gebäude: Bei "Kirche" denken viele sofort an ein Bauwerk. Doch "Kirche" ist vor allem die Gemeinschaft (und Versammlung) der Glaubenden.

Eine andere Form von Kirche bedeutet dann: eine Gestalt von Kirche, die an mindestens einer Stelle das "normale" Paradigma überschreitet. Das kann bedeuten: 

  • Soziale Räume statt geografische Grenzen: Nicht die Wohnbevölkerung in einem kirchlichen Bezirk wird angesprochen, sondern bestimmte Zielgruppen: ein gewisses Milieu, eine besondere Altersgruppe, Vertreter einer Lebensphase etc.. Es können so in demselben geografischen Raum verschiedenartige Kirchen nebeneinander existieren.
    • Jugendkirche
    • Internetkirchen
    • Kirche für Skater
    • Migrantengemeinden etc.
  • Ehrenamtliche tragen verstärkt Verantwortung. Hauptamtliche fungieren eher als Ermöglicher oder Coach. Man teilt sich gabenorientiert auf.
    • Die Andachten im Kirchenkreis Schleiz werden von Christen vor Ort freiwillig verantwortet.
    • Eine Gemeinde in Wenigenjena (Stadt Jena) wird ehrenamtlich geleitet und feiert Gottesdienste auch ohne Pfarrer.
  • Gebäude werden nebensächlich: Gemeinde trifft sich mitten in der Lebenswelt der Zielgruppe – im Plattenbau, im kommunalen Zentrum, im angemieteten Lokal, in der Shopping Mall. Kirche wird als Gemeinschaft erfahrbar.
    • Church goes Pub in Magdeburg
    • jumpers Gera
  • In den Erprobungsräumen wird Kirche wieder neu vom (Lebens)Kontext der Adressaten her entwickelt, z.B.
    • Social Media-Church (z.Bsp. Online-Kirche)
    • Ladenkirche in einer Shopping Mall (räumliche Nähe)
    • Kirche bei einem Festival wie Freakstock (mentale Nähe)

 

Denn Kirche ist überall dort, wo diese vier Merkmale vorhanden sind:

  • Martyria - das Zeugnis: Es werden Menschen mit dem Evangelium erreicht, die vorher nicht erreicht wurden. Erprobungsräume sind missional. Menschen finden neu zum Glauben, sie lassen sich taufen und in die Nachfolge rufen.
  • Leiturgia - das Gebet und der Gottesdienst: In den Erprobungsräumen wird Spiritualität gelebt. Gebet spielt eine zentrale Rolle. Menschen kommen so in Berührung mit Jesus Christus. Dies hinterlässt Spuren in ihrem Leben.
  • Diakonia - der Dienst: In den Erprobungsräumen wird erkennbar, dass Kirche für andere, für die Welt da ist. Die Mitarbeiter richten ihren Blick nach außen - sie versuchen, den Menschen in ihren Sorgen und Nöten zu begegnen. So wird Gottes Liebe konkret erfahrbar.
  • Koinonia - die Gemeinschaft: Durch die Erprobungsräume entsteht neue Gemeinschaft. Menschen finden zusammen, sie teilen sich mit, tragen und fördern einander - unter dem einen Herrn Jesus Christus.

Dem allen versuchen unsere sieben Kennzeichen Rechnung zu tragen.

 

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass folgende Veränderungen kein Erprobungsraum sind:


Strukturveränderungen: So ist die Neustrukturierung der Arbeit (z.B. im Kirchenkreis) kein Erprobungsraum. Damit wird das bisherige neu geordnet, aber das "Normal-Paradigma" nicht durchbrochen. Dadurch entsteht in der Regel auch keine neue Gemeinschaft; so gesehen sind Umstrukturierungen nicht missional.

Allerdings können Strukturveränderungen eine notwendige Voraussetzung dafür sein, dass ein Erprobungsraum eröffnet wird. Z.B. wird die Arbeit in der Stadt auf die Mitarbeitenden neu verteilt, so dass Mittel/Personal frei werden. Mit diesen freien Kapazitäten wird in den Kindergärten/Schulen Gemeinde gesammelt; oder ein Missionar geht in einen Plattenbaubezirk.

  • Stadtteilmissionar Gotha-Ost

 

Neue Veranstaltungsformate: Wenn eine Kirchengemeinde neue Veranstaltungen ausprobiert - und damit auch wirklich neue Zielgruppen erreicht, ist dies noch kein Erprobungsraum. Denn Parochie, Pfarrer und Gebäude bleiben wesentliche Bezugsgrößen; vor allem aber: Veranstaltungen sind nicht missional - Sie rechnen damit, dass Menschen kommen; man geht aber nicht hin. Sie verbleiben in der üblichen Angebotslogik.

Allerdings kann sich aus einem Veranstaltungsformat ein Erprobungsraum entwickeln, wenn die Veranstaltung selbst zur Kirche wird. Damit müsste sie die o.g. Kriterien erfüllen - und nicht nur ein Anhängsel der normalen Gemeindearbeit sein.

  • In London gibt es eine Kirchengemeinde mit dem Motto: "One Church - three congregations" (Eine Kirche - drei Gemeinden). Im Laufe der Jahre haben sich die Veranstaltungen der Kirchengemeinde zu eigenen Sub-Gemeinden entwickelt (Gemeinde für Familien [So Vormittag], für Obdachlose [Fr Abend] und für Studenten [Sonntag Abend]), die nur noch das Kirchengebäude miteinander teilen. Es gibt keine Zentralveranstaltung; man begegnet sich in der Regel nicht.

 

Verbesserte Öffentlichkeitsarbeit: Mit der Öffentlichkeitsarbeit wird die Gemeindearbeit unterstützt. Sie selbst erfüllt aber nicht die Kriterien von Kirche; d.h. durch einen neuen Gemeindebrief entsteht keine neue Gemeinschaft, ein neues Layout ist keine Liturgie etc.

Aber auch hier gilt: Wenn über die sozialen Netzwerke Menschen zusammenkommen, das Evangelium kommuniziert wird, sie sich für ihre Lebensthemen öffnen und sich austauschen - und eine Form von Liturgie miteinander finden, kann auch so eine Internetkirche Erprobungsraum sein.

Zusammenfassend sollte ein Erprobungsraum folgende Kennzeichen aufweisen können:

  1. In ihnen entsteht Gemeinde Jesu Christi neu (communio sanctorum - koinonia);
  2. Sie überschreiten die volkskirchliche Logik an mindestens einer der folgenden Stellen: Parochie, Hauptamt, Kirchengebäude;
  3. Sie erreichen die Unerreichten mit dem Evangelium und laden sie zur Nachfolge ein (missional - martyria);
  4. Sie passen sich an den Kontext an und dienen ihm (diakonia) ;
  5. In ihnen sind freiwillig Mitarbeitende an verantwortlicher Stelle eingebunden;
  6. Sie erschließen alternative Finanzquellen (Diversifizierung; nur Teilförderung durch landeskirchliche Mittel);
  7. In ihnen nimmt gelebte Spiritualität einen zentralen Raum ein (leiturgia).

 

Eine ausführliche Erläuterung der sieben Kennzeichen findet sich hier.

 

Hinweis: Erprobungsräume, die nur vier der sieben Kennzeichen entsprechen, gelten als "kleine Erprobungsräume". Sie können ebenfalls fachliche und juristische Beratung in Anspruch nehmen und eine Einmalförderung von bis zu 15.000 € erhalten.

  • Ein Erprobungsraum ist nur eine Stelle, an dem eine andere, neue Form von Kirche erprobt wird. Ziel des EKM-Prozesses ist es, dass an möglichst vielen  Stellen Erprobungsräume entstehen.
  • Die Zahl solcher Erprobungsräume ist nicht begrenzt. Es ist der ausdrückliche Wunsch und die Hoffnung, dass sich viele Initiativen und Gemeinden, Kirchenkreise und Werke aufmachen, alternative Wege von Kirche auszuprobieren.
  • Denn letztlich geht es um einen Haltungswandel: Weg von einer Einstellung, das Innovationen skeptisch beäugt und blockiert hin zu einer Haltung, die Freude am Experimentieren und Mut zum Scheitern hat. Zu dieser veränderten Haltung gehört auch, alternative Formen von Kirche nicht als Bedrohung und Ersetzung, sondern als Chance und Ergänzung der bisherigen Arbeit zu sehen. Dieser Wandel ist das zentrale Ziel der Erprobungsräume.
  • In der Church of England sagten Christen früher: "Besser, der Bischof weiß nichts von den neuen Ideen, die wir in unserer Gemeinde haben. Er wäre sicher sehr kritisch." Heute sagen sie: "Der Bischof wäre sehr enttäuscht, wenn wir diese neue Idee nicht ausprobieren würden!"
  •  

Deshalb hat der Prozess eine doppelte Ausrichtung:


1) Modellprojekte
Um das Erproben zu erproben, werden 10-15 Projekte in der EKM modellhaft begleitet, unterstützt und evaluiert. Diese sind die offiziellen Erprobungsräume der EKM - auf Multiplikation hin angelegt. Aber auch andere Projekte können als beispielhafte Erprobungsräume anerkannt werden.

2) Kommunikation, Zurüstung und Vernetzung
Daneben soll für die Idee alternativen Kirche-Seins geworben werden. Christen sind dafür zu gewinnen und zu schulen. Es sollen inspirierende Reisen und Seminare angeboten werden. Daraus bilden sich regionale Netzwerke. Pioniere sind zu finden, zu vernetzen, zu schulen - und auszusenden.

 

Deutlich wird an diesem Design: Die Landeskirche kann selbst keine Erprobungsräume installieren. Sie kann nur Rahmenbedingungen schaffen, damit Menschen in den Orten aufbrechen, neue Wege zu probieren.

  • Im Bild gesprochen: Die Landeskirche legt nicht selbst das "zweite Gleis", sie bereitet nur das Bett dafür.

Die entscheidenden Akteure sitzen in den Gemeinden und den Regionen: Also an der "Basis". Dort werden die Veränderungen deutlicher gespürt, dort wissen bzw. ahnen die Menschen, wie sie am besten den Herausforderungen begegnen sollten. In dem Prozess "Erprobungsräume" sollen sie begleitet werden.

Ein erster Bewerbungszeitraum begann am 17.11.2015 und dauerte bis zum 15.03.2016, ein zweiter vom 01.12.2016 bis zum 30. Juni 2017.

Für den Zeitraum Dezember 2018 bis März 2019 ist ein dritter Bewerbungszeitraum angedacht.

Damit soll dem Prozesscharakter Rechnung getragen werden: Um mit Ideen "schwanger zu gehen", um Menschen dafür zu gewinnen, um Konzepte zu entwickeln und Geldquellen zu finden, brauchen die Akteure Zeit. Auch die Steuerungsgruppe und das Team Erprobungsräume im Landeskirchenamt lernen dazu und möchten ihre Erfahrungen in das neue Auswahlverfahren einfließen lassen.

Auf dieser Website der EKM findet man das Antragsformular auf Anerkennung und Unterstützung eines Erprobungsraumes. Der Antrag enthält auch Hinweise für erforderliche weitere Anlagen.

 

Unterstützung kann man erhalten als

  • fachliche Begleitung. Dies ist in der Phase der Ideenfindung bzw. Konzeptentwicklung wohl besonders wichtig. Es ist hilfreich, vor der Antragstellung schon einmal mit dem zuständigen Referenten KR Andreas Möller und der örtlichen Gemeinde und dem Kirchenkreis das Gespräch über das Vorhaben gesucht zu haben.
  • juristische Beratung, z.Bsp. falls man herausfinden möchte, ob das Projekt mit dem Gesetz kollidiert oder wie eine solche Kollision ausgeräumt werden kann.
  • finanzielle Unterstützung (bis zu 50% der Gesamtkosten) für Personal- oder Sachkosten, gedacht als Abschubfinanzierung.

 

Erprobungsräume, die nur vier der sieben Kennzeichen entsprechen, gelten als "kleine Erprobungsräume". Sie können ebenfalls fachliche und juristische Beratung beantragen und eine Einmalförderung von bis zu 15.000 € erhalten.

 

Bewerben können sich

  • Kirchengemeinden
  • Initiativgruppen
  • Kirchenkreise
  • Einrichtungen/Werke

Nicht nur die, die neu starten wollen, sind bewerbungsfähig, sondern auch die, die bereits gestartet sind.

Wenn Initiativgruppen sich bewerben, bedarf es der Abstimmung mit Kirchengemeinde und Kirchenkreis (Votum des letzteren). Wenn Kirchengemeinden Anträge stellen, hat ebenfalls der Kirchenkreis zu votieren.

Achtung: Dies bedeutet nicht, dass Kirchengemeinde oder Kirchenkreis das Vorhaben genehmigen müssen. Sie sollen nur darum wissen bzw. sich dazu erklären (Votum).

Das Kollegium des Landeskirchenamtes hat dafür am 6. Oktober 2015 eine Steuerungsgruppe eingesetzt. Ihr gehörten in den ersten drei Jahren an: Matthias Ansorg, Torsten Christ, OKR Christian Fuhrmann, Sup Matthias Heinrich, Juliane Kleemann, KR Andreas Möller, Jana Petri, Johannes Rohr, Ann-Sophie Schäfer, KR Dr. Thomas Schlegel, Siegfried Siegel, KR Dr. Kerstin Voigt. Es assistierten Dorothee Land und Sarah Thys.

Im Laufe des Jahres 2018 wird die Steuerungsgruppe durch das Ausscheiden einiger bisheriger und die Neuberufung anderer Personen neu formiert.

Der Auswahl zugrundegelegt werden

  • vor allem der Nachweis der sieben inhaltlichen Kriterien, die oben bereits genannt sind (vgl. Frage 3). Wenn nur vier bis sechs Kennzeichen einleuchtend entsprochen wird, gilt das Projekt in der Regel als "kleiner Erprobungsraum".
  • der innovative Charakter des Projektes;
  • die fristgemäße Einreichung des Antrags;
  • die den vorgegebenen Formalia entsprechende Gestalt des Antrags.So muss der Finanzierungsplan einer kritischen Prüfung standhalten können und auch die Weiterführung des Projektes nach dem Förderzeitraum bedacht sein.

 

  • Das Votum des Kirchenkreises erzeigt, dass der Kirchenkreis über das Vorhaben informiert worden ist und wie er sich dazu verhält. Zu einem Gelingen eines Erprobungsraumes trägt oft auch das gute Einvernehmen zwischen dem Team des Erprobungsraumes und der für das Gebiet zuständigen Kirchengemeinde und dem betreffenden Kirchenkeis bei.

Pilotvorhaben benötigen einen langen Atem: Ein Erfolg wird in der Regel nicht schon zu Beginn sichtbar. Wenn man experimentiert, benötigt man Zeit. Deshalb muss die neue Sozialform von Kirche kein klar definiertes Ende besitzen. Allerdings wird die Unterstützung der Landeskirche auf bis zu fünf Jahre beschränkt sein. Unsere Hoffnung ist das Fortbestehen vieler Erprobungsräume, auch nach einer zeitlich begrenzten Unterstützung durch die Landeskirche.

Auch nach dem offiziellen Förderzeitraum können sich neue Erprobungsräume in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland bilden. Über den Aufbau einer geeigneten Unterstützerstruktur wird zurzeit nachgedacht.

Ja, evaluiert werden der landeskirchliche Gesamtprozess und ausgewählte Modellprojekte - bis zu 15 insgesamt. Damit soll der Lerneffekt erhöht bzw. die Nachhaltigkeit unterstützt werden. Die Evaluation wird von den Projektkosten der Landeskirche bezahlt. Mit der Evaluation hat das Kollegium des Landeskirchenamtes das Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald (IEEG) und das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SI) in Hannover in einer Kooperation beauftragt.

Mit den beiden Instituten ist vereinbart, dass diese die ausgewählten Erprobungsräume zu Beginn, inmitten und am Ende des Förderzeitraumes durch Vorortbesuche und Interviews "unter die Lupe nehmen". Die daraus erarbeiteten drei Gesamtberichte werden jeweils der Steuerungsgruppe und über dieses dem Kollegium übermittelt.

Es ist also nicht daran gedacht, dass die beiden beauftragten Institute Beratungsgespräche vor Ort führen. Das obliegt Mitgliedern des Teams Erprobungsräume des Landeskirchenamtes oder der Steuerungsgruppe bzw. von ihnen beauftragtes Coaches oder Mentoren. Bei Bedarf sollte man das Beratungsgespräch mit ihnen suchen.