Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) möchte Gemeinde neu denken. Sie eröffnet Freiräume, damit sich alternative Formen von Kirche entwickeln können und die bisherigen Kirchengemeinden ergänzen. Dazu gab die Landessynode im November 2014 den offiziellen Startschuss.

In den bisherigen zwei Bewerbungsphasen in 2016 und 2017 wurden 66 Anträge mit missionarischen Ideen und Projekten zur Entwicklung neuer Gemeindeformen eingereicht. 27 Projekte wurden 2016 und 2017 als Erprobungsräume anerkannt. 11 davon werden wegen ihres starken modellhaften Charakters vom Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung Greifswald evaluiert. Voraussichtlich wird es ab Dezember 2018 eine neue Bewerbungsphase geben.

Es ist wichtig, dass man eines verdeutlicht: Meistens gab es die Initiativen schon vor dem landeskirchlichen Prozess der Erprobungsräume. 16 der 27 Projekte waren bereits gestartet, bei fünf hat sich durch die Aufnahme in das Programm eine neue Dynamik eingestellt und nur sieben sind wirklich völlig neu. Für sie bildete der landeskirchliche Prozess den Anlass, eine z.T. länger gehegte Idee umzusetzen. Das bedeutet auch, dass die Erprobungsräume bisher bereits Bestehendes einsammeln, den anderen Gemeindeformen Schutz gewähren, sie begleiten und voranzubringen suchen. Die landeskirchliche Approbation bedeutet den Akteuren vor Ort meist viel: Anerkennung und Wertschätzung. Außerdem bringt es die Pioniere unter einem Schirm zusammen und bietet Möglichkeiten der Vernetzung, Weiterbildung etc.

Christen mit Pioniergeist und Veränderungswillen machen sich auf durch das landeskirchliche Programm, um neue Wege zu beschreiten. Dazu ist die Frage der Kultur entscheidend – nicht so sehr einzelne Modelle. Mit den Erprobungsräumen will die EKM einen Schritt in Richtung innovationsfreundliche Kirche gehen.


Historisch hat der Prozess seinen Ursprung in der Kooperation bzw. Fusion der beiden früheren Landeskirchen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. In der Verfassung der EKM aus dem Jahre 2008 sind andere Gemeindeformen ausdrücklich vorgesehen: »Gemeindliches Leben geschieht auch in verschiedenen Bereichen der Bildung, im Zusammenhang besonderer Berufs- und Lebenssituationen, in geistlichen Zentren und in Gruppen mit besonderer Prägung von Frömmigkeit und Engagement sowie in Gemeinden auf Zeit.« (Art. II, Abs. 2) Den Schwung der Vereinigung nahm die erste Landessynode mit, dachte und plante unter dem Motto »Als Gemeinde unterwegs«. Sie wollte in den ganzen Strukturdebatten einen Kontrapunkt setzen: »Fragen und Themen der inneren und geistlichen Entwicklung unserer Kirche und ihrer Gemeinden« waren auf der Agenda. Maßgeblich inspiriert wurde der Prozess durch programmatische Bischofsberichte, z.B. in den beiden Frühjahren 2012/2013.17 Wiederholt forderte Landesbischöfin Ilse Junkermann den Umbau. »Gemeinde neu zu denken« sei das Stichwort. Als man beim Gemeindekongress 2012 in Halle/S. merkte, wie viele Menschen in der EKM dies bereits tun, war es zu den Erprobungsräumen nur noch ein kleiner Schritt.

So unterstützte die Landessynode im Herbst 2014 den vorgelegten Projektentwurf »Erprobungsräume« und ermutigte, »neue Gemeindeformen im säkularen Kontext zu erproben. Hierzu bedarf es einer großen Offenheit. Die Landessynode bittet das Landeskirchenamt, eine Steuerungsgruppe zur weiteren Ausgestaltung des Projektes einzusetzen und ihr über den Stand des Projektes regelmäßig zu berichten.« Mit diesem knappen Beschluss waren die Erprobungsräume geboren und das Projektdesign vorgegeben: Eine vom Kollegium des Landeskirchenamtes eingesetzte Steuerungsgruppe regelt das operative Geschäft.

Ihr gehören zwölf Vertreter unterschiedlicher Bereiche und Regionen an. Der Fachbeirat begleitet deren Arbeit kritisch. Die Geschäftsführung der »Erprobungsräume« liegt im Dezernat Gemeinde (Referat Gemeinde und Seelsorge) des Landeskirchenamtes. An der Evaluation des Prozesses sowie einzelner Projekte sind das IEEG der Uni Greifswald sowie das SI der EKD beteiligt. Zur finanziellen Ausstattung hat die Landessynode damals 2,5 Mio. Euro bewilligt, ein Betrag, der inzwischen zweimal aufgestockt werden konnte.