Die Haltungen

Nov. 10, 2020 | Grundlegendes & Rechtliches

Auf die innere Haltung kommt es an!

 

Sieben Krite­rien und sieben Haltungen

Neben den sieben Krite­rien, die einen Erpro­bungs­raum beschreiben, lassen sich in jedem Projekt beson­dere innere Haltungen erkennen. Aus den Erfah­rungen der bestehenden Erpro­bungs­räume, der freshX-Bewe­gung in England und der pioniersplekken in den Nieder­landen haben wir für die Erpro­bungs­räume sieben Haltungen benannt, die in der orga­ni­schen Entwick­lung der einzelnen Projekte an verschie­denen Stellen vorkommen. Diese Haltungen beschreiben die Art und Weise, wie Projekte, die die sieben Krite­rien aufweisen, gestaltet werden können. Sie spie­geln die „Logik“ hinter den Projekten und damit die innere Betei­li­gung der Akteure wider. Inso­fern sind Krite­rien und Haltungen zwei Seiten einer Medaille. Erst zusammen entfalten sie eine Dynamik, die Denk­weisen und Ansichten inner­halb und außer­halb von Kirche verän­dern kann.

Die eigenen Haltungen reflektieren

Im Kontext der Erpro­bungs­räume ermög­li­chen die sieben Haltungen nicht nur andere Formen von Kirche, sondern können auch bereits bestehenden Projekten auf ihrem Weg durch unbe­kanntes Gebiet Orien­tie­rung geben. Sie helfen, Neues auszu­pro­bieren und Gott, Glauben und Kirche an neuen Orten, in bisher kaum wahr­ge­nom­menen Ereig­nissen und Bezie­hungen zu entde­cken. Sie helfen, mit Heraus­for­de­rungen, die sich auf dem Weg ergeben, umzu­gehen. Werden sie bewusst thema­ti­siert, wie dies etwa bei den Lear­ning Commu­ni­ties geschieht, helfen sie auch, den eigenen Weg zu reflek­tieren und neue Perspek­tiven in verfes­tigten oder undurch­sich­tigen Situa­tionen zu gewinnen.

Die Haltungen als Weg von Neugrün­dung oder Neubelebung

Dabei beziehen sich die Haltungen wech­sel­seitig aufein­ander und bleiben in unter­schied­li­chen Phasen des Projekt­pro­zesses rele­vant. Die hier vorge­schla­gene Reihen­folge geht von einem Modell-Prozess aus, der durch­gängig von Gebet begleitet sein sollte: Wer Neues entde­cken will, beginnt damit, hinzu­hören, was Menschen in meinem Umfeld bewegt und was Gott mit mir in diesem Umfeld vorhat. So wird sichtbar, wie ich Menschen konkret Gutes tun, ihnen dienen kann. Daraus entstehen Bezie­hungen, die dazu führen, dass sich Menschen mit einer Über­zeu­gung, einer Sache oder einem Projekt iden­ti­fi­zieren und sich zuge­hörig fühlen. Diese Zuge­hö­rig­keit ist die Vertrau­ens­basis dafür, auch über Glauben zu spre­chen und neue Formen auszu­pro­bieren, wie Gottes Gegen­wart erfahrbar werden kann. Wächst ein Projekt weiter, so werden gute Formen von Parti­zi­pa­tion immer wich­tiger: nach innen als Leiter­schaft und Team, nach außen als Teil einer Kirche, die man mitge­staltet, indem man von anderen lernt und selbst andere inspiriert.

 

#1 Hören

„Liebe Gott – und Deinen Mitmen­schen wie Dich selbst“, fasst Jesus das wich­tigste Gebot zusammen. Und im Gleichnis vom Barm­her­zigen Sama­riter wird deut­lich: Unser nächster ist nicht immer der Mensch, der uns bereits nahe steht und mit dem wir auf einer Wellen­länge sind. Wir sind gewohnt, Menschen inner­halb von Sekunden einzu­schätzen und reagieren häufig auch dementspre­chend. Doch wird das kaum meinem Gegen­über gerecht.

Den Anderen ernst zu nehmen, bedeutet, ihm zuzu­hören, seine Sicht­weise zu verstehen und von ihm zu lernen. Wer ohne Hören meint, zu wissen, was für den anderen richtig ist, der dient nicht seinem Nächsten, sondern höchs­tens sich selbst. Und dann besteht die Gefahr, dass wir es verpassen, Gott in dieser Welt zu entde­cken. Denn er wirkt oft gerade dort, wo wir es nicht vermuten oder erwarten.

Die Erpro­bungs­räume beginnen und setzen sich fort mit einem ständig mehr­fa­chen Hören:

  1. auf den Kontext meines Erprobungsraums;
  2. auf Gott, das, was ich von seinem Wesen und Absichten weiß, auf seine Impulse;
  3. auf meine Mitwir­kenden im Team, in der Lebens­ge­mein­schaft oder Dienstgruppe;
  4. auf die Kirche und was sie mitein­ander bestimmen soll

Die Pfar­rerin Marga­rita Reinders aus Amsterdam bekam von Ihrer Kirche den Auftrag zur Gemein­de­grün­dung in einem nicht­kirch­li­chen Stadt­teil. Schnell erkannte sie, dass ihre bishe­rige Arbeits­weise hier nicht gefragt war. Ihre Lösung: Sie setzte sich regel­mäßig in ein Café und lud andere Menschen an ihren Tisch ein. Nun kamen sie gegen­seitig ins Gespräch und auch Marga­rita erzählte von ihrer Sorge, wie hier Gemeinde entstehen könne. Ihre Offen­heit und offen­sicht­liche Schwach­heit ermun­terte andere zum Gespräch über Gott und die Welt. So formte sich ein zuneh­mender Kreis von Menschen, die das Gespräch mit ihr schätzten – und gern halfen. Allmäh­lich entstand eine neue Gemeinde…

Heute spricht sie gern davon, wie wichtig es ist, sich verletz­lich und auf Augen­höhe zu zeigen. Niemand erwartet, dass wir voll­kommen und frei von Zwei­feln sind und alle Fragen beant­worten können – auch nicht in Sachen Gott und Glauben. Viel­mehr können wir auch auf die Erfah­rungen, Einsichten und Ideen anderer vertrauen, wenn wir ihnen zuhören, und lernen dabei immer wieder nicht nur die Welt, sondern auch Gott und uns selbst neu kennen.

HÖREN kann in den Erpro­bungs­räumen bedeuten: 
  • Auf Augen­höhe begegnen: Keine vorschnellen Rezepte entwickeln
  • Zeit anbieten, zuhören, nach­fragen, nach­lesen und lernen
  • Vertrauen inves­tieren, Gemein­schaft pflegen und die Frei­heit des anderen wahren
  • Die eigenen Eindrücke stets reflek­tieren und erst dann handeln
  • Hörendes Beten und den Impulsen mutig folgen
  • Die andere Sicht­weise wirk­lich verstehen wollen, vom Anderen her denken

#2 Lieben und Dienen

Dienen ist ein sper­riges Wort. Es scheint Abhän­gig­keit voraus zu setzen und passt kaum in eine Zeit, in der Auto­ri­täten kritisch betrachtet werden.

Wer dient, stellt sich nicht unbe­dingt „unter“ den anderen, aber an dessen Seite. Das bedeutet auch: Ich stelle mich mit meinen Vorstel­lungen erstmal „hinten an“. Ich sehe den anderen als geliebten Menschen. Beim Hören (Haltung 1) entdecke ich seine Bedürf­nisse und nehme an seinem Leben Anteil. Ich versuche zum Beispiel trotz des fremden Musik­ge­schmacks oder der muffe­ligen Klei­dung nicht auf Distanz zu gehen.

Lieben und Dienen erwächst aus einer dienenden Haltung. Es ist keine Methode. Unser Gegen­über merkt schnell, ob es uns bei unseren guten Taten eigent­lich nur um den eigenen Erfolg geht. Helfen kann nämlich auch Ausdruck der Arro­ganz sein.

Lieben und Dienen macht nicht Halt an der Mitglied­schafts­grenze. Es gilt unserem Nächsten, nicht nur dem Mitchristen. Es ist eine elemen­tare Weise unserer Verkün­di­gung, die sich an die ganze Welt richtet. Viel­leicht ist das liebe­volle Dienen heute so wichtig wie noch nie im konfes­si­ons­losen Ostdeutsch­land. Die prak­ti­sche Hilfe ist eine Sprache, die Menschen verstehen, auch wenn sie den Glauben nicht teilen. Deshalb ist für viele wichtig, dass es die Diakonie gibt. Christ­li­cher Glauben gewinnt über das Dienen Rele­vanz im alltäg­li­chen Leben.

Einfach ist das nicht. Hinten anstellen kann ich mich nur, wenn ich auch selbst gesehen werde und meine Angst vorkommen darf. In Phil 2 wird beschrieben, wie Jesus sich zu uns herunter beugt, seine gött­li­chen Privi­le­gien aufgibt, einer von uns wird und sogar den Tod auf sich nimmt. Und das alles aus einem dienenden und liebenden Herzen, weil wir Menschen ihm so wichtig sind.

Das Jesus Projekt am Roten Berg, einem Plat­ten­bau­viertel im Norden Erfurts, gibt es schon seit 10 Jahren. Eine Lebens­ge­mein­schaft und frei­willig Enga­gierte wenden sich mit prak­ti­scher Hilfe den Menschen hier zu. Dies sind meist sozial Schwä­chere, Menschen auf der Straße, Kinder, Flücht­linge und solche, die straf­fällig geworden sind.

Einmal haben sie für Karsten, der in einem 12-Geschosser wohnte und dessen Tod tage­lang keiner bemerkt hatte, eine Trau­er­feier im Foyer des Hoch­hauses abgehalten.

LIEBEN und DIENEN kann in den Erpro­bungs­räumen bedeuten:
  • Anwalt­schaft für jene, die über­sehen werden
  • Zeit haben
  • Für andere da sein
  • Nächs­ten­liebe um ihrer selbst willen
  • Anpa­cken, wo nötig
  • Brücken bauen, wo Vertrauen abge­bro­chen ist
  • Die Bedürf­nisse Anderer erkennen und mit ihnen gemeinsam daran arbeiten

#3 Bezie­hungen bilden und leben

In den Erpro­bungs­räumen wollen wir mitein­ander in wert­schät­zenden Bezie­hungen leben. Wir lassen uns ein auf die Menschen um uns herum, mit ihren ganz eigenen Sicht­weisen, Erfah­rungen und Ideen (Haltung 1 und 2). Wir glauben, dass sie genauso Geschöpfe Gottes sind und Gott in ihrem Leben wirkt. Wir wollen nicht unsere Sicht­weise anderen über­stülpen, sondern den und die Andere in ihren eigenen Lebens­zu­sam­men­hängen und manchmal auch Lebens­ver­stri­ckungen ernst­nehmen. Wir wollen ihnen Raum geben, um zu sein. Wir wollen teil­haben am Leben der Anderen – wenn sie uns teil­haben lassen wollen.

Sich ganz auf den Anderen einzu­lassen bedeutet nicht, die eigenen Über­zeu­gungen oder den eigenen Glauben aufzu­geben. Die Erfah­rungen und Schätze des Anderen können für mich – so wie meine Erfah­rungen und Schätze für den Anderen – zur Inspi­ra­tion werden. Und kommen in der Bezie­hung beide zusammen, entsteht daraus Neues. Bezie­hungen zu bilden und zu leben, setzt die Offen­heit voraus, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, um vom Anderen zu lernen und Gutes bei ihm und von ihm zu erwarten und zu erfahren.

Ziel ist eine Gemein­schaft, in der sich Menschen einge­bunden wissen und zugleich den Frei­raum haben, sie selbst zu sein. Eine Gemein­schaft, die mich trägt und in der ich auch selbst dazu beitrage, dass andere getragen werden. Eine Gemein­schaft, in der sich alle auf Augen­höhe und ohne hidden agenda begegnen. Eine Gemein­schaft, in der alle geben und nehmen.

Bezie­hungen bilden kann in den Erpro­bungs­räumen bedeuten: 
  • Gemeinsam Essen und Trinken
  • Leben teilen
  • Sich bei anderen betei­ligen und andere beteiligen
  • Poten­ziale entde­cken und gemeinsam machen
  • Sich selbst einbringen und sich auch von anderen inspi­rieren lassen
  • Gott selbst als bezie­hungs­su­chenden Gott verstehen

#4 Iden­ti­fi­ka­tion ermöglichen

„Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Mat 6,21). Diese Jesus-Worte weisen uns  darauf hin, wie wichtig es für das eigene Leben ist, zu wissen, an was oder an wen wir unser Herz hängen. In den Erpro­bungs­räumen wollen wir deshalb ernst­nehmen, womit sich Menschen iden­ti­fi­zieren können und Orte gestalten, an denen Menschen „von Herzen“ dabei sein können (Haltungen 1–3). Das geschieht in zwei­fa­cher Weise:

Zum einen suchen die Erpro­bungs­räume nach Lebens­räumen, in denen Menschen sie selbst sein dürfen. Es sollen Räume für dieje­nigen eröffnet werden, die mit den tradi­tio­nellen Formen von Kirche viel­leicht wenig oder gar nichts anfangen können. Nur so können wir entde­cken, wie Kirche auch jenseits von einer bestimmten Kultur­form aussehen kann. Die Erpro­bungs­räume sind dabei eine Ergän­zung für klas­si­sche Kirchen­formen. Sie ermög­li­chen für Kirchen­ferne Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keiten und wollen neue Gestal­tungs­mög­lich­keiten auspro­bieren, ohne gleich die ganze Kirche abbilden zu müssen.

Zum anderen laden die Erpro­bungs­räume dazu ein, sich klar zu machen, was Menschen erfüllt und was sie antreibt, sich persön­lich zu enga­gieren. Noch bevor wir über­legen, „Was“ oder „Wie“ etwas erreicht werden kann, muss die Frage nach dem „Warum“ beant­wortet sein. Betei­li­gung sollte nie aus Zwang oder schlechtem Gewissen erfolgen, sondern weil das Ziel der Arbeit die Person antreibt, mit Herz und Seele dabei zu sein. Dann kann man aus dem, was man tut, mehr Energie gewinnen als man einbringt. Und es begeis­tert andere, die ein ähnli­ches Ziel teilen. Erpro­bungs­raum wird so zu einem Inspi­ra­ti­ons­raum, an dem andere teil­haben, der zu ihrem Raum wird – und den sie auf eine Weise mitge­stalten können, dass sie darin selbst Kraft gewinnen.

Viele Ehren- und Haupt­amt­liche in den Erpro­bungs­räumen tun das, was sie tun, weil sie von Herzen davon über­zeugt sind und nicht, weil sie daraus eigene Vorteile ziehen. Sie sind bereit, dafür auch etwas einzu­setzen. Im Stadt­Teil­Leben Gotha z.B. sind Menschen bewusst in ein Plat­ten­bau­ge­biet gezogen, um mit den Menschen dort ihr Leben zu teilen, auch wenn sie woan­ders viel­leicht ein schö­neres Wohn­um­feld haben könnten.

Das ist auch im Blick auf alter­na­tive Finanz­quellen wichtig. Erpro­bungs­räume in Plat­ten­bau­ge­bieten z.B. werden oft von kommu­nalen Trägern geför­dert, weil diese erkennen, wie sehr die Arbeit zur heil­vollen Förde­rung der Lebens­qua­lität der Menschen beiträgt. Dieses Ziel verbindet beide, auch wenn sie sonst viel­leicht ganz unter­schied­liche Sicht­weisen haben.

Iden­ti­fi­ka­tion kann in den Erpro­bungs­räumen bedeuten:
  • Orte entde­cken und gestalten, die mich begeistern
  • mit anderen meine Begeis­te­rung teilen
  • Erpro­bungs­raum als Kraft- und Inspi­ra­ti­ons­quelle erfahren
  • nach dem Warum fragen
  • Regel­mäßig über das eigene Warum und das Warum der Team­mit­glieder austauschen
  • Netz­werke aufbauen zu Menschen, die sich für Ähnli­ches begeistern

#5 Glauben erkunden

Erpro­bungs­räume begeben sich auf Entde­ckungs­reise: Sie wollen den Glauben im Alltag erkunden. Das bedeutet zweierlei:

1) Sie möchten den christ­li­chen Glauben dort aufblitzen lassen, wo Menschen leben, arbeiten und ihre Frei­zeit verbringen: In den Bars, in der Nach­bar­schaft, in der Schule und auf dem Bahnhof.

2) Sie versu­chen Glauben mit den Menschen zu entde­cken, die in ihrer Biogra­phie Glauben noch nie erfahren haben oder nie positiv erfahren konnten. Sie spre­chen Menschen an, die die christ­liche Kultur und Sprache nicht kennen, sie suchen nach Formen von Spiri­tua­lität für reli­giös Unmu­si­ka­li­sche, sie laden ein, sich Gott zuzu­wenden und begleiten auf diesem Weg. Und sie machen sich selbst auf den Weg, Gott und Glauben neu zu entdecken.

Beide Dimen­sionen sind extrem heraus­for­dernd. Glaube im Alltag hat in einer spezia­li­sierten Welt mit ihren eigenen Sub-Kulturen oft keinen Platz und wirkt befremd­lich. Mit Kirchen­fernen „Gottes­dienst“ zu feiern und Bibel­texte ins Gespräch zu bringen, ist eine Grenz­über­schrei­tung in mehr­fa­cher Hinsicht. Das eigene Spre­chen, die Gestik, die „Liturgie“ – alles muss auf den Prüf­stand. Mess­latte ist hier die Lebens­welt der anderen.

Die Erpro­bungs­räume sind ermu­tigt, fröh­lich zu expe­ri­men­tieren, mutige Schritte zu wagen und sich vor allem vom Umfeld inspi­rieren zu lassen (Haltungen 1–4). Es gibt keine allge­mein­gül­tigen Wege, sondern überall muss indi­vi­duell auf das Milieu, die eigene Persön­lich­keit, die Geschichte sowie den Kontext geachtet werden.

In der Grund­schule in Hett­stedt gibt es einen neuen Andachts­raum. Den haben Schüler selbst gestaltet. Die Lehre­rinnen und Lehrer werden ausge­bildet, wie sie Andachten gestalten können. Jeden Freitag findet zum Wochen­schluss ein kleiner Gottes­dienst statt, den eine Klasse ausge­staltet. Wenn die Eltern ihre Kinder abholen, hat die Schul­pfar­rerin Zeit für Gespräche. Christen und Nicht-Christen feiern hier zusammen Gottes­dienst und Glaube und Kirche verbindet sich mit ihrem Alltag.

GLAUBE ERKUNDEN kann in den Erpro­bungs­räumen bedeuten: 
  • Sichtbar, aber nicht aufdring­lich sein
  • Von den Vorlieben und Gewohn­heiten der Ziel­gruppe her denken
  • Nicht (nur) die Christen zum Planen einbeziehen
  • Sich auf neue Formen einlassen
  • Sich gemeinsam auf den Weg machen, wie Glauben Ausdruck gewinnen kann
  • Litur­gi­sche Formate mit der Ziel­gruppe entde­cken und entwickeln

#6 Team und Leiter­schaft gestalten

Das erste, was Jesus zu Beginn seiner Wirkungs­zeit getan hat, war der Aufbau eines Teams. Da gab es nicht nur die 12 Jünger, sondern eine Gruppe von Frauen und Männern, mit denen Jesus gemeinsam unter­wegs war. Mit ihnen sprach er auf beson­dere Weise, disku­tierte nächste Schritte und lebte, was er predigte.

Wir lernen: Kirche baut man am Besten in einem Team. So kann man sich gegen­seitig in seinen Bega­bungen ergänzen, gemeinsam Weg, Verant­wor­tung und Arbeit teilen, fürein­ander beten und im Alltag ermu­tigen und trösten. Zusam­men­ge­halten wird ein Team oder gar eine tatsäch­liche Lebens­ge­mein­schaft von dem gemein­samen Glauben (Haltung 5), dem Bemühen, einander zu tragen (Haltung 3) und dem verein­barten Ziel (Haltung 4). Im Umgang der Mitar­beiter unter­ein­ander darf sichtbar werden, was der christ­liche Glaube bedeutet und bewirkt. Was wir selbst nicht leben, werden auch andere sich nicht erschließen können.

Je größer ein Team oder eine Gemein­schaft wächst, je drin­gender wird eine gute Team­struktur und Orga­ni­sa­tion. Leiter­schaft kann dabei ganz unter­schied­liche Formen annehmen, muss aber in jedem Fall trans­pa­rent kommu­ni­ziert werden. Gute Leitende haben eine starke Vision für die Beru­fung der Gruppe, hören auf Gott, das Team und die Menschen. Sie brau­chen Offen­heit für Kritik von außen und eine gute Sozialkompetenz.

Aber Vorsicht. Harmo­ni­sche Teams neigen dazu, sich irgend­wann selbst genug zu sein und rein aus Routine zu handeln. Der Blick nach außen, eine gute Refle­xion und ein stetiges Neuaus­richten auf das gemein­same Ziel hält ein Team dyna­misch und fruchtbringend.

In der Praxis unserer Erpro­bungs­räume gibt es verschie­dene Formen der Orga­ni­sa­tion. Team­ar­beit wird aber von allen groß geschrieben. Dennoch liegt die Leitung immer noch häufig in der Hand von haupt­amt­li­chen Personen. Je stärker diese als Spezia­listen oder Profis erscheinen, desto weniger taugen sie als nach­ah­mens­wertes Vorbild für andere. Von ihnen erwartet man selbst­ver­ständ­lich Loya­lität zur Kirche, denn sie werden ja von ihr dafür bezahlt. Fallen sie für ihre Aufgaben aus, sind sie oft schwer zu ersetzen.

Wer sich ehren­amt­lich enga­giert, hat dagegen ein Über­ra­schungs­ele­ment auf seiner Seite, zeigt man doch dadurch, dass das eigene Enga­ge­ment für eine bestimmte Sache einem ausge­spro­chen wichtig ist (Haltung 4). In einem guten Team haben Ehren­amt­liche Verant­wor­tung, Frei­raum zum Gestalten und erleben Zutrauen in ihre Fähigkeiten.

TEAM UND LEITER­SCHAFT kann in den Erpro­bungs­räumen bedeuten: 
  • Nicht für Projekte Menschen, sondern für Menschen Projekte suchen
  • Nahbar­keit ist häufig mehr wert als reine Professionalität
  • Trans­pa­rente Teamstrukturen
  • regel­mä­ßige Zeiten nur für das Team einplanen
  • Kultur der Wert­schät­zung und gegen­sei­tigen Förderung
  • Parti­zi­pa­tion ermöglichen
  • Gemein­sames Leiten, Austausch- und Feedbackkultur

#7 Kirche-sein entdecken

Die Erpro­bungs­räume möchten neue Formen von Kirche sein. Doch was ist Kirche? In den Köpfen unserer Zeit­ge­nossen und auch vieler Gemein­de­glieder gibt es dafür feste Vorstel­lungen. Kirche ist ein Gebäude mit Turm, Orgel, Tauf­stein, Altar. Sie ist das Angebot eines wöchent­li­chen Sonn­tags­got­tes­dienstes mit festem Ablauf, ist die Bereit­stel­lung haupt­amt­li­cher Spezia­listen für Taufe, Konfir­ma­tion, Hoch­zeit und Beerdigungen.

Schauen wir in die ersten Urkunden des christ­li­chen Glau­bens, erscheint Kirche mehr als ein Bezie­hungs­ge­schehen. Menschen lernen Jesus von Naza­reth kennen, spüren, dass er mehr ist als ein gewöhn­li­cher Mensch und entde­cken Gott auf ganz neue Weise. Sie wagen es, an die Bedeu­tung von Leben, Lehren, Handeln, Tod und Aufer­ste­hung Jesu auch für ihr Leben zu glauben. All diese Menschen schließen sich zusammen, um ihr Leben gemeinsam orien­tiert an Jesus Christus zu gestalten. Trotz aller Verschie­den­heit erkennen sie sich als eine Familie Gottes und dienen einander und ihrer Umge­bung. Dadurch haben sie an der Sendung Jesu in diese Welt teil und bilden die erste Kirche im Kontext ihrer Zeit. Seitdem stehen sie vor der Heraus­for­de­rung, ihren persön­li­chen und gemein­samen Glauben an Jesus an sich ändernden Orten, Zeiten und Lebens­si­tua­tionen zu gestalten.

In unserer stark segmen­tierten Gesell­schaft muss auch die Jesus­be­we­gung zusammen mit ihren Adres­saten immer neue Formen ausprägen (Haltung 5), um ein jeweils kultur- und zeit­ge­mäßes Gefäß für die verschie­densten Prägungen von Menschen zu ermög­li­chen (Haltung 4). Dabei können die vertrauten Bilder bishe­rigen Kirche­seins hinder­lich werden, wenn man sie zur blei­benden Norm erklärt.

Auch Erpro­bungs­räume sind Kirche und gehören zu einer größeren Bewe­gung. Das kann Stär­kung bedeuten, aber auch Mut, sich mit anderen Formen ausein­an­der­zu­setzen und über das eigene Kirche­sein nachzudenken.

Die Junge Kirche HERZ­SCHLAG erprobt das Kirche­sein für Jugend­liche in einer länd­li­chen Region. Jugend­liche tauchen nach ihrer Konfir­ma­tion kaum im normalen Gemein­de­leben auf und werden daher auch in ihrer beson­deren Lebens­phase wenig durch Kirche begleitet und geprägt. Das Team in Nord­hausen versucht daher, Kirche in ihrer Bedeu­tung und Form ganz in die Lebens­welt von Jugend­li­chen zu bringen – dabei entstand eine über­re­gio­nale Gemeinde von 14–20-Jährigen, die selbst­be­wusst und unkon­ven­tio­nell Gottes­dienst feiert, betet, singt und Gemein­schaft lebt. Die Form erin­nert an eine Jugend­party, aber der Inhalt ist 100% Kirche.

KIRCHE SEIN kann in den Erpo­bungs­räumen bedeuten: 

KIRCHE SEIN kann in den Erpo­bungs­räumen bedeuten: 
  • Sich nicht selbst genug sein
  • Mit anderen Christen und Kirchen­formen in Dialog treten
  • Teil einer größeren Bewe­gung sein
  • Zur Viel­falt beitragen
  • Von anderen lernen und Erfah­rungen weitergeben

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